CHINETIK — Eine Ausstellung von Museum Tinguely und Littmann Kulturprojekte
von Winfried BraunDas chinesische dreirädrige Fahrrad zwischen Alltags-Ethnologie und Kunstintervention
Museum Tinguely : bis 19. April 2009
Was im vormodernen China die einachsige Rikscha war, wurde im China des 20. Jahrhunderts zu einem Fahrrad mit drei Rädern. In der Hauptstadt Beijing (Peking) war dieses Dreirad oder Tricycle allgegenwärtig. Unmöglich, sich eine vielbefahrene Strasse, einen Markt, eine Einkaufs- oder Vergnügungsmeile und sogar einen Schrottplatz ohne Tricycles vorzustellen. Über 30 dieser Fahrzeuge wurden von Littmann Kulturprojekte in beladenem oder leerem Zustand auf den Strassen Pekings gekauft. Die beladenen Tricycles wurden im Original belassen. Die unbeladenen, leeren Tricycles wurden Künstlern als veränderbare Objekte gegeben. In einer Ausstellung im Museum Tinguely werden diese beiden Gruppen nun gegenübergestellt. Ein einziges Tricycle zeigt die Ausstellung in gebrauchtem, fahrtüchtigem und nutzungsneutralen Zustand. Jean Tinguely, könnte er es sehen, würden vielleicht spontan die Wörter “China” und “Kinetik” (Bewegung) einfallen: “Chinetik” eben.
Auf Podesten zu Kunstwerken geadelt, werden die Tricycles, die zuvor als Verkaufsbühne (bewegtes “Schaufenster”), als fahrbare Garküche, als Tierkäfige, oder als vielseitiges Transportmittel (für Lebensmittel, Haushaltsgeräte, Möbel, Abfall) im Gebrauch waren, zu musealisierten Objekten der Alltags-Ethnologie. Diesen Objekten steht Tricycle-Kunst gegenüber. Beauftragte Künstler in Ost (China) und West (Europa, USA) erhielten leere, nutzungsneutrale Tricycles für eine Intervention. Einzige Bedingung war, dass die Tricycles weiterhin fahrtüchtig sein müssen. Ansonsten war der Phantasie (von u. a. Wang Guangyi, Thomas Virnich, Ulrike Schröter, Peter Kogler, Daniele Buetti, Robert Rauschenberg, Guillaume Bijl, Stephen Craig) keine Grenzen gesetzt. Das Museum Tinguely zeigt in Zusammenarbeit mit Littmann Kulturprojekte unter dem Titel “Chinetik” erstmals diese Interventionen von Künstlern aus China und Deutschland, aus Belgien, Irland, den Niederlanden und Österreich sowie aus den USA und der Schweiz gemeinsam mit beladenen Originalen des chinesischen Alltags.
Das Tricycle ist im chinesischen Alltag durch den steigernden Wohlstand der Globalisierung, der in Beijing durch den Modernisierungsschub von Olympia 2008 verstärkt wurde, immer seltener anzutreffen. Mitte der 1990er Jahre sah man es noch überall. 2008 waren die schon zu einer Rarität geworden. Ist das Dreirad im China von Morgen nur noch ein Museumsstück zwischen Alltags-Ethnologie und Kunstintervention?
Die Begleitpublikation Chinetik erscheint im März im Reinhardt Verlag Basel.











