Zum 10. Treffen der Marketingguerilla hieß es: Guerilleros in die Unternehmen

von Liesel Pusacker

Mit einem polarisierenden und damit impulsierenden Vortrag zum Thema „Narren, Chaoten, Außenseiter und Regelbrecher…. „ hat Gunnar Sohn, Wirtschaftsjournalist und Medienberater, die Branche aufgeweckt. Ist PR überhaupt planbar, war eine seiner Fragen. Und er riet Unternehmen dazu, einen Teil ihrer Instrumente einfach wegzuwerfen. Wann schaffe ich Aufmerksamkeit? Und was ist eine gute Medien- bzw. Kundenansprache?

In kleinem, aber erlauchtem Kreis, brachte er die Dinge auf den Punkt und regte nicht nur zum Nachdenken an…

Interview:
Ist der „Chief Guerilla Officer“ ein Stratege der Zukunft?

Im Interview erläutert Gunnar Sohn seine Thesen von einer weniger mechanistischen Arbeitsweise und motiviert dazu, neue Strategien auszuprobieren.

Marketingguerilla: Herr Sohn, haben Strategen und “kontrollierte Manager” im 21.Jahrhundert ausgedient?

Gunnar Sohn: Strategen haben nicht ausgedient. Sie dürfen nur nicht den Regeln von mechanistischen Modellen folgen. Das war schon immer ein Fehler. Erfolgreiche Unternehmer haben das zu allen Zeiten unkonventionell gehandelt. Schnelligkeit, Stärken nutzen, Erfahrung, Urteilskraft, siebter Sinn und Intuition kann man nicht planen. Unternehmerisches Handeln ist nur schwer zu systematisieren. Wie gute Unternehmer handeln und entscheiden, ist häufig von Zufällen abhängig und widerspricht dem ideologischen Weltbild von Planungsfanatikern.

Marketingguerilla: In Ihrem Aufsatz “Narren, Chaoten und Regelbrecher…” raten Sie Unternehmen unter anderem zu “Drop your Tools” oder zu einer weniger mechanistischen Sicht- und Handlungsweise. Was sollen Unternehmen damit bezwecken?

Gunnar Sohn: Am völligen Versagen der Wirtschaftsforschungsinstitute bei der Vorhersage der Finanzkrise können Sie doch erkennen, wie wenig formelhafte Theorien für das Wirtschaftsleben taugen. Die Dynamisierung der Welt kann man nicht mehr mit den bestehenden Regeln und alten Strukturen im Unternehmen aufhalten. Wer das versucht, landet in der Bürokratiefalle. Notwendig ist vor allen Dingen eine Auflösung der Informations- und Interpretationsmonopole, sonst suchen sich Mitarbeiter andere Wege der Wissensvermittlung. Die Wirtschaft ist kein Feld mehr für neurotische Diktatoren, es ist kein Terrain für Brüller und Schreihälse. Mitarbeiter kann man nicht mehr für dumm verkaufen und zentralistisch von oben nach unten steuern, wie es in Deutschland leider häufig der Fall ist.

Marketingguerilla: Und Sie plädieren ebenfalls dafür, die Funktion des “Narren” in Unternehmen einzuführen – ähnlich der Funktion des früheren Hofnarren. Nur diese könnten angstfrei die “Außen- und die Innensicht des Unternehmens kritisch beleuchten.” Mal ehrlich: Ist das für Unternehmen hierzulande wirklich durchführbar, und wenn, ja wie?

Gunnar Sohn: Sie müssen sich nicht so sehr an Begriffen wie „Narr“ oder „Hofnarr“ reiben. Sie können ja auch einen „Chief Guerilla Officer“ einführen, was natürlich Blödsinn wäre. Ich meine das metaphorisch. Unternehmen sollten sich eine neue Innovationskultur zulegen und die beruht nun mal auch auf ein wenig Provokation. Sie brauchen in jedem Unternehmen einen geistigen Spinner, der für frischen Wind sorgt, ohne sofort eine Abmahnung zu kassieren. Sie können es auch Antihierarchie, Infragestellen der Autorität, Offenheit, fröhliche Anarchie oder Verspottung aller Dogmen nennen. Sie können sich auch regelmäßig Quälgeister ins Unternehmen einladen. Sie brauchen Persönlichkeiten wie Rabelais, der ein ausgeprägtes Gespür für das Neue hatte, nicht einfach für Neuheiten und Moden, sondern für das wesentlich Neue, das tatsächlich aus dem Tod des Alten geboren wurde und dem die Zukunft gehörte. Rabelais konnte das wirklich Neue aufspüren, auswählen und zeigen. Er war ein schillernder und frecher Impulsgeber der Renaissance. So begann er einer seiner Reden mit folgender Begrüßung: „Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“. Das sollten Sie bei der nächsten Besprechung mit ihren Chefs mal ausprobieren. Wortspiele, rhetorische Brillanz und sprachliche Experimente werden von Managern viel zu wenig oder gar nicht gewagt. Was folgt ist Langeweile und die ist der Tod der Innovation.

Herr Sohn, vielen Dank für das Gespräch.

http://gunnarsohn.wordpress.com/

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2 Kommentare

  1. Ich finde, Gunnar Sohn hat interessante und neue Gedanken in die Diskussion gebracht.

    am 09. 03. 2009 um 22:56 Uhr von Winfried Braun
  2. Nachdem ich Artikel und Interview las, ärgere ich mich, dass ich nicht zur Veranstaltung kommen konnte …

    am 14. 03. 2009 um 10:08 Uhr von Enrico Mascholleck

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Der Beitrag wurde am 4. März 2009 um 20:30 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Interviews gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.