Wirtschaftsfaktor alternde Gesellschaft

von Winfried Braun

Ruhrgebiet ist Richtmaß für seniorengerechte Umstrukturierung

Gelsenkirchen (pte) – Die alternde Gesellschaft stellt Wirtschaft und Kommunen zugleich vor Herausforderungen und Chancen. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse vom Institut Arbeit und Technik (IAT) http://iat.eu, die in einem aktuellen Symposiumsband zur Generationsgerechtigkeit publiziert wurde. Besondere Aufmerksamkeit der Forscher hat das Ruhrgebiet, da es in seiner demografischen Entwicklung rund 15 Jahre Vorsprung auf das restliche Deutschland besitzt. “Die Alten sind hier besonders sesshaft, während Jüngere wenig Nachwuchs haben”, so Josef Hilbert, Leiter des IAT-Forschungsschwerpunktes Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität, im Gespräch mit pressetext. Das führe dazu, dass die schon jetzt überdurchschnittlich alte Bevölkerung bis 2025 um ein Zehntel auf 4,8 Mio. Menschen schrumpft, während die Gruppe der 60- bis 79-Jährigen um 60.000 auf 1,2 Mio. anwächst. Noch stärker steigt die Zahl der über 80-Jährigen von heute 240.000 auf 380.000. Das erfordert ein Drittel mehr Pflegeleistungen.

Dabei könne die Region ein Vorbild für Altersversorgung abgeben. “Der Ehrgeiz, vernünftige Modelle zu entwickeln, ist im Ruhrgebiet sehr hoch ausgeprägt”, betont Hilbert. Ein Gesundheits-Schwerpunkt Alterung habe notwendige Strukturen wie die bessere kardiologische und neurologische Versorgung geschaffen. Größtmögliche Autonomie in der eigenen Wohnung spiele laut Hilbert in der politischen Agenda eine wichtige Rolle und habe zu einer im Vergleich hohen Zufriedenheit der Älteren geführt. Hintergrund dieser Umstellung ist das EU-Konzept “Aktives Altern”. Es versucht einerseits Alter als Erlebnissphäre neu zu definieren statt als Abstellgleis. “Das erfordert die Bekämpfung der Anfälligkeit für Krankheiten im Alter, besonders bei sozial Benachteiligten oder Bildungsschwachen”, so Hilbert. “Andererseits muss ein Umdenken in der Weise geschehen, dass das Alter auch eine Zeit des Gebens ist. Alte Menschen können etwa in der Kinderbetreuung ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen.”

Der Wirtschaft gesteht Josef Hilbert eine Schlüsselposition für die Umstrukturierung zu, wofür das Ruhrgebiet ebenfalls beispielgebend sei. “Die Handwerkskammer und die Wohnungswirtschaft haben sich des Themas der Ausstattung barrierefreier Wohnungen besonders angenommen. Viele Wohnungen im Ruhrgebiet werden bereits altersgerecht erneuert.” Als wirtschaftliche Hauptprofiteure der Alterung sieht Hilbert die Akteure aus den Bereichen Gesundheit, Wohnen und Lifestyle, die ihr Angebot rechtzeitig umstellen würden. “Auch Freizeit- und Kulturangebote für Senioren werden in Zukunft viel mehr nachgefragt.” Welche Aspekte der Alterung wirtschaftlich nutzbar seien, ist bereits seit längerer Zeit Forschungsschwerpunkt am Institut Arbeit und Technik, das die Entwicklung im Ruhrgebiet wissenschaftlich begleitet hat.

Doch selbst im deutschen Alterungs-Vorzeigegebiet fehlt es nicht an noch ungelösten Problemen. “Rückstände gibt es vor allem in der seniorengerechten Umgestaltung des öffentlichen Verkehrs sowie im subjektiven Sicherheitsempfinden der Alten”, betont Hilbert. Keine Patentlösung habe man weiterhin für den latenten Personalnotstand im Pflegebereich. “Bis vor kurzem konnten sich Pflegeanbieter ihre Mitarbeiter nach strengen Kriterien aussuchen, doch jetzt kippt der Arbeitsmarkt. Dazu beigetragen haben katastrophale Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und ein ebensolcher Ruf, der sich durch die Situation weiter verschlimmert”, so Hilbert. Es sei keine endgültige Lösung, notwendige Arbeitskräfte aus dem südeuropäischen Ausland einzuladen, da dies nur anderwärtig Lücken schaffe. “In jüngster Vergangenheit hat man die Pflege rationalisiert und damit oberflächlicher gemacht. Dieser Trend muss sich umkehren – die Pflegearbeit muss intelligenter und zugleich produktiver werden”, so der IAT-Forscher abschließend.

(Foto: pixelio.de/Sturm)

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5 Kommentare

  1. Erinnert mich jetzt irgendwie an die “Anfänge” von 2030 – Aufstand der Alten.

  2. Ja, das Szenario sollte aufrütteln – keine leichte Unterhaltung.

    am 28. 01. 2009 um 18:24 Uhr von Winfried Braun
  3. Mein Kommentar zu dem Thema ist, „Ich finde es immer wieder klasse, wenn sich zeigt, dass der tatsächliche Kundenbedarf zählt und nicht ein vermeintlicher Mega Trend !“

    Es gab einen tollen Bericht dazu im Fernsehen, ich weiß aber leider nicht mehr auf welchem Kanal.

    In Deutschland scheint es eine Überversorgung an Pflegeheimplätzen zu geben. Die Renditerechnung vieler Fondsinitiatoren stellt das in Frage, gerade jetzt in der Finanzkrise. Alle Markt Player argumentieren bislang mit dem demographischen Wandel: Weil die Zahl der Senioren steige, werde automatisch auch der Bedarf an Pflegeheimplätzen wachsen.

    Aus der allgemeinen Altersentwicklung kann nicht zwingend auf einen hohen Bedarf an Heimen geschlossen werden. Die Menschen werden nicht nur älter, sie bleiben auch immer länger gesund!

    Richtig krass empfinde ich in diesem Zusammenhang die Diskussion um Pflegepersonalnotstand. Finanzinvestoren, Pflegeheimbetreiber und andere sparen an Geld und damit an Personal. Das ist das Problem. Zurück zum Thema Chancen und Initiativen: „Super, wenn sich Strukturen und Dienstleistungen verändern, kundenorientiert!“

    Mehr zum Thema Verbraucher und Service Engineering auch unter http://servicegut.de .

  4. Hallo Andre, herzlichen Dank für den Kommentar. Ich frage mich, wer zukünftig noch einen Pflegeheimplatz bezahlen kann. Privat sind die Menschen damit schon heute überfordert. Und ob unser Staat bei der momentanen Verschuldung dafür noch Geld hat ist fraglich. Aus meiner Sicht sind dafür völlig neue Lösungen notwendig.

    am 02. 02. 2009 um 08:27 Uhr von Winfried Braun
  5. Ich habe gehört, dass in Skandinavien Pflegepersonal gesucht wird und schon einige Menschen aus dem Sozialwesen und den Medizinberufen dorthin auswandern.

    am 02. 02. 2009 um 22:55 Uhr von Winfried Braun

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Der Beitrag wurde am 25. Januar 2009 um 09:54 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Marketing & Kommentare, Märkte & Branchen gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.