Das Glück liegt in der Unerreichbarkeit
von Liesel Pusacker
Miriam Meckel über Wege aus der Kommunikationsfalle
Die St. Gallener Professorin Miriam Meckel beschäftigt sich in ihrem neuesten Buch mit einem aktuellen Kommunikationsproblem, nämlich dem Versuch und Verlangen vieler Zeitgenossen, immer und überall (und für jeden) erreichbar zu sein. Ständige Verfügbarkeit und Erreichbarkeit wird von vielen dabei mit Aufmerksamkeitsgewinn und dem Status der eigenen Person gleichgesetzt. Dass diese schleichende Eroberung unser Lebensgestaltung (nicht nur im Arbeitsalltag) sich längst im fortgeschrittenen Stadium befindet, eher Energien frisst anstatt zu schenken und schädlich fürs zwischenmenschliche Klima sein kann; zu diesem Fazit kommt die Autorin mit ihren Bestandsaufnahme. Und dazu: Dass wir Kommunikationspausen benötigen: zum Nachdenken, Erklären, Sich-Verständigen; auch einfach zum Abschalten.
In zwei Teilen erläutert Meckel, weshalb der eigentliche Zweck von Kommunikation – die Übermittlung von Botschaften, der Austausch über diese – zugunsten des permanenten Informationsaustausches, quasi als Selbstzweck, vernachlässigt wird.
Da ist von zu viel Information, die in zu kurzer Zeit bearbeitet und selektiert werden muss, die Rede, von ständigen Entscheidungen, von der selbstverordneten Pflicht, alle Dinge parallel erledigen zu müssen. Außerdem, dass viele Menschen zulassen, dass die Technik ihren Kommunikationsrhythmus und ihr Leben beherrscht.
Sicherlich ist es in unserer heutigen Zeit sinnvoll, sich mit den modernen Kommunikationsmitteln zu vernetzen, so Meckel. Allerdings plädiert sie dafür, dass Ruder noch selbst in der Hand zu behalten. Teil II des Buches widmet sich denn auch den Möglichkeiten, wie der Einzelne den Informationsstrom bestimmen kann, wie er kommunikativ anschlussfähig bleibt und die Vorteile der Vernetzung im Vordergrund stehen. Außerdem erlaubt die Autorin einen Blick über das rein Geschäftliche hinaus: Die modernen Kommunikationsmittel haben auch dazu geführt, „dass Arbeit, Leben und Lieben“ – so die Autorin – „immer stärker miteinander verwoben werden“. Man denke nur an die Handykommunikation, die fortwährend persönliche Gespräche wie z.B. gemeinsame Essen, Restaurantbesuche unterbrechen oder neue Formen der Kontaktaufnahme und Flirtkommunikation mittels Internet, e-Mail oder SMS. Das Mobilephone als pars pro toto wird damit zum Artefact des Lebens, das unser Leben und die Kommunikationsbedingungen komplett verändert.
Manche Zeitgenossen greifen da zur Entschleunigung, indem sie bewusst Downshifting betreiben – ein mehr an Lebensqualität gegen ein Weniger an ständiger Erreichbarkeit (damit oft verbunden auch Geld) eintauschen. Meckel rät in ihrem Buch zu dem Mut, Entscheidung zu treffen und seinen Kommunikationsrhythmus als Mischung zwischen Selbst- und Fremdbestimmung neu zu justieren. Eine selbstbestimmte Gestaltung der Kommunikation kann nach Ihrer Meinung gelingen, in dem man:
- Prioritäten setzt, auf die Be- und Verarbeitung wichtiger Informationen,
- Kommunikationsgeräte von Zeit zu Zeit abschaltet,
- und eine eigene kommunikative Identität lebt (quasi mit gleichem Recht wie die von außen an ihn herangetragenen Kommunikationsbedürfnisse). Die Lösung für die Balance in einer modernen Welt liegt für Meckel simpel und einfach in der klugen Unerreichbarkeit. Zeiten der Ruhe, der Abschaltens und der Konzentration. Viel Glück dabei.