Nichtrauchen als rebellischer Akt
von Martin Henseler Ein Produkt, das gefällt: Meierkurt Tabak-Aromabonbons
Schon seit 2004 ist der deutsche Süßwarenmarkt um ein Exotikum reicher: Bonbons mit Tabakgeschmack. Seinerzeit mit freundlicher journalistischer Aufmerksamkeit begleitet, hat das Produkt inzwischen den Weg in diverse Vertriebskanäle gefunden. In einem Süßwarenautomaten ist mir diese Packung ins Auge gefallen, wie sie zwischen Ültje-Erdnüssen und Mamba-Kaubonbons ihren Platz behauptete: Tabakbraunes Design, mit einem Che-Guevara-Portrait auf der Vorderseite. Stolze zwei Euro waren zu bezahlen, um dieses Produkt mit doch eher fragwürdigem Nutzenversprechen zu erwerben, aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Kein Wunder, wie mich zwischenzeitlich die Webseite von Meierkurt aufklärte, handle es sich doch hier um einen "starken Impulsartikel" mit "großem Kundenpotential (ca. 20 Mio. Raucher)".
Das stimmt. Ich bin nämlich seit Jahren wieder Nichtraucher, also noch über das angepeilte Marktpotenzial hinaus angesprochen worden! Und weswegen? Zweifelsfrei weil es ein abgedrehtes, noch nicht dagewesenes Produkt ist, nämlich ein Paket Kamellen, das nach Tabak schmecken soll, ohne aber Nikotin zu beinhalten. Und diese Aussage wird mit einem Che-Guevara-Portrait garniert, so dass sich der nikotinfrei lutschende Tabakgenießer geradezu revolutionär vorkommen muss. Nichtrauchen als rebellischer Akt. Vergessen wir dabei nicht: Eigentlich ist es ja gerade der Akt des Rauchens, der traditionell als nonkonformistisch, freiheitsbetont, identitätsstiftend, teils auch erotisch und vor allem als rebellisch empfunden oder zumindest beworben wurde. Und dieser Akt des Rauchens geht zwingend mit dem Halten von qualmenden Zigaretten oder Zigarren einher. So wie Che Guevara nicht gerade selten eine dicke Havanna zwischen die Zähne geklemmt hatte.
Das ist vielleicht gerade der Clou in der heutigen Zeit, da sich Raucher draußen unter Heizpilzen treffen: Nicht die Aufnahme der Droge Nikotin verschafft die eigentliche Befriedigung, sondern einfach das Bewusstsein, Tabak zu sich zu nehmen. Mitten unter Leuten. In Kirchen, Krankenhäusern oder Kindergärten. So erklärt es uns auch der Packungstext: Auf der Vorderseite steht groß "nikotinfrei", hinten folgt die Präzisierung: "Für alle Nichtraucher-Zonen, wie z. B. im Flugzeug, im Meeting…" – in denen man früher Nikotinpflaster verwandte. Mit diesem Junkie-Habitus räumt Meierkurt gründlich auf. Schwach ist, wer die Droge braucht – cool ist, wer raucht, weil es ihm schmeckt! Und auf den Geschmack muss jetzt niemand mehr verzichten!
Aber schmecken die Bonbons auch?
Ein eilig durchgeführter Test mit den 17 Klümpchen, die noch in der Packung waren, sollte gar nicht repräsentativ sein. Aber 17 Meinungen ergeben schon ein erstes Bild. Ich nahm also die Schachtel und verteilte Kostproben in meinem Bürogebäude mit der Bitte an die Probanden, 0 bis 10 Geschmackspunkte zu vergeben, wobei die Null für "exzellentes Brechmittel" und die zehn für "extrem köstlich" stand. Penibel notierte ich außerdem die Rauchgewohnheiten. Acht Teilnehmer ließen sich als Raucher einstufen, zwei als Gelegenheitsraucher, sieben als Nichtraucher. In der Tat vergaben insbesondere die Raucher gelegentlich sechs oder sieben Punkte, beschrieben den Geschmack als "süßlich", "eigenartig", "angenehm, wenn auch nicht köstlich", manchmal gar "wie Wildhonig" und "besser als Lakritz". Im Schnitt vergaben aber selbst die Raucher nicht einmal vier Geschmackspunkte. Die Gelegenheitsraucher kamen auf 3,5 und die Nichtraucher gar nur auf 2,5 Punkte im Durchschnitt. Insbesondere unter Letzteren fiel das Verdikt teils drastisch aus: "alter Schrank", "Maggi", "Mottenkugeln" und "Opa" waren noch die freundlicheren Kommentare, vier mal gab es die Note Null nebst Kommentaren wie "Fuideiwel", "total eklig", "pervers" oder "zum Abgewöhnen", zwei nicht mitgezählte Probanden weigerten sich nach einer Geruchsprobe, überhaupt ein Bonbon in den Mund zu nehmen.
Das mag enttäuschend sein und verrät einiges über die Diskrepanz zwischen einem enormen Marktpotenzial und einem Absatzvolumen, das dieses wohl nicht annähernd ausschöpft. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum Kurt Meier sein Produkt nicht schon 1935 auf den Markt brachte, sondern erst sein Enkel. Der Zweite Weltkrieg und die Folgen der Nachkriegszeit hätten die Markteinführung verhindert, steht auf der Website. War es also die Wertschätzung der Zigarette als soldatischer Kumpelkitt, nach Kriegsende dann als Währung, später als politische Aussage oder soziales Kontaktmittel, die Lutschtabak verhindert hat? Wer weiß – vielleicht liegt es nur daran, dass in den Dreißigern der Heizpilz noch nicht erfunden war.
Wie auch immer: Das Produkt Tabakbonbon ist nach allen Regeln des Marketings in Szene gesetzt und sofern es sich nicht am Markt durchsetzen sollte, wird es jedenfalls nicht daran liegen, dass es schlecht vermarktet worden wäre.











