Ralf Kosub „Der demographische Wandel – eine Trendwende im Marketing?“

von Liesel Pusacker

5. Treffen der MarketingGuerilla am 25.10.07

Ralf Kosub beim 5. Vortragsabend der MarketingGuerillaViel zitiert und diskutiert: Der demografische Wandel. Er ist statistisch bewiesen und  seine Prognosen eindrucksvoll beschrieben: Die Gesamtbevölkerung Deutschlands entwickelt sich insgesamt rückläufig, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Zudem werden zukünftig die älteren  Alterssegmente überproportional und die jüngeren unterproportional in der „Bevölkerungspyramide“ vertreten sein. Während manch einer die demographischen Szenarien schon nicht mehr hören kann, scheinen sie innerhalb der meisten Unternehmen noch kein Gehör gefunden zu haben. Zumindest hat es den Anschein, dass dieser Thematik bislang noch mit großer Zurückhaltung begegnet wird.

Welche Entwicklungen kommen auf die Unternehmen und das Marketing zu? Welche Bedeutung hat der demografische Wandel für die Ausrichtung des Unternehmens auf den Markt? Wie sind die Unternehmen und insbesondere wie ist das Marketing auf die Entwicklungen des demografischen Wandels vorbereitet? Und zu guter letzt: Werden diese nachhaltigen Entwicklungen zu einer Trendwende im Marketing führen? Und wenn ja, wie sieht diese Wende aus? Diesen Fragestellungen war der Vortrag des MarketingGuerilla-Vorsitzenden Ralf Kosub und die anschließende Diskussion gewidmet.

Im Rahmen seines Vortrags erläuterte Ralf Kosub den demografischen Aufbau der deutschen Bevölkerung sowie die quantitative und qualitative Entwicklung auf Basis aktueller Prognosen. In seinem Resümee kam er zu dem Schluss, dass eine „Trendwende“ sehr wahrscheinlich erscheint und untermauerte seine Meinung mit vier Thesen:

  1. Der prognostizierte stetig steigende Fachkräftemängel sowie die Multinationalisierung der Facharbeitermärkte werden die Bedeutung des Personalmarketings sukzessive erhöhen. Aufgrund der damit einhergehenden Verschiebung des Nachfrage-/Angebotsverhältnisses, wird sich auch die Rolle des Personalmarketings verändern: von der vielfach verbreiteten Rolle des „passiven“ Personalbeschaffers hin zum „aktiven“ Akquisiteurs. Darüber hinaus erhält die Bindung von qualifizierten Personal an das Unternehmen eine neue Bedeutung. 
  2. Das steigende Durchschnittsalter des Bundesbürgers sowie die veränderten Proportionen der Alterspyramide werden das Gesicht des Massenmarkts verändern. Will ein Unternehmen auch zukünftig noch die Masse des Marktes ansprechen, so wird es zwangsläufig die alterspezifischen Bedarfs- und Bedürfnisveränderungen mit in seine Betrachtungen einbeziehen müssen. Dies gilt sowohl für die Produkte und das Produktdesign als auch für die entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen.
  3. Bei der differenzierten Marktbearbeitung spielt die Marktsegmentgröße eine nicht unbedeutende Rolle. In der Regel gilt: je größer das in seiner Bedürfnis- und Bedarfsstruktur homogene Marktsegment ist, desto attraktiver ist es für die segmentspezifische Marktbearbeitung. Da sich im Zuge des prognostizierten demografischen Wandels die Größenverhältnisse der einzelnen Alterssegmente verändern werden – und dies eklatant –, wird dies unweigerlich Einfluss auf die Attraktivität der einzelnen Segmente nehmen.  Bezogen auf die Marktsegmentgröße kann gefolgert werden: Während die jüngeren Alterssegmente kleiner werden und sukzessive an Attraktivität verlieren, werden die älteren Segmente größer und nehmen an Attraktivität stark zu. Diese Attraktivitätsverschiebung wird in vielen Fällen die Anpassung derzeitiger Marktsegmentstrategien erforderlich machen und auch zu entsprechenden Veränderungen in der Marktbearbeitung führen.
  4. Während die einzelnen internationalen Märkte heute noch eine mehr oder weniger homogene Altersstruktur besitzen, ist davon auszugehen, dass sich dies im Zeitablauf ändern wird: Die Alterspyramide Europas wird sich im Vergleich zu der Asiens, Afrikas und Südamerikas „diametral“ entwickeln. Die Folge: auch die Massenmärkte entwickeln sich in ihren Bedarfs- und Bedürfnisstrukturen auseinander mit Konsequenzen für Produkte, Produktdesign und die entsprechende Marktkommunikation.

Da jeder der Veranstaltungsteilnehmer in dieser Thematik – sei es als Beobachter, Betroffener oder Handelnder – involviert ist, hat sie niemanden unberührt gelassen, so dass die anschließende facettenreiche Diskussion zum Teil emotional und kontrovers geführt wurde. „Das Thema“, so Ralf Kosub, „ist so umfassend und komplex, dass es an einem einzigen Abend nicht erschöpfend ausdiskutiert werden kann. Dies zeigten insbesondere einige Diskussionsbeiträge, die weitere Einblicke in das Thema brachten und die Diskussion bereicherten. Darüber hinaus freue ich mich ganz besonders über das große Interesse der Gäste an dem Thema, dass einigen Gästen doch eine längere Anreise Wert war.“

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2 Kommentare

  1. In den meisten Punkten stimme ich mit meinem Companiero voll und ganz überein, nur eines sollten wir noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Punkt 4 beschreibt im Artikel ein stärkeres Auseinanderdriften von landesspezifischen Altersverteilungskurven und -strukturen, dementsprechend der Produkte, des Designs und der Art der Marktkommunikation.

    Ich gehe meinerseits davon aus, dass der Trend zu einer diametral demographischen Entwickung von sogenannten “entwickelten” und “weniger entwickelten” Ländern eher ab- als zunehmen wird, und zwar in absehbarer Zeit:

    Die Einkind-Politik in China, die Teilnahme von beachtlchen Bevölkerungsteilen an Lebensstandards und an einem gewissem Wohlstand (vgl. Indien mit 250 Mio Menschen im Mittelschichtensegment) wird voraussichtlich eine ähnliche demographische Entwicklung in wenigen Jahren provozieren, wie wir es in “Old-Europe” bisher erlebt haben.

    Zudem zeichnet sich der Trend zu Nutzung gleicher oder änlicher Massenprodukte rund über den Globus deutlich ab: Nokia z.B. hat weite Teile Indiens (auch das unwegsame Rajastan) mit Handys versorgt und damit viele Kleinexistenzen erst möglich gemacht. Afrika zieht nach; www und Internetnutzung sind heute selbstverständich (fast) überall auf dem Globus vertreten; das Massenauto für alle – der Tata – ist gerade vergangene Woche in Indien vorgestellt worden. Dies alles sind sich an europäische Verhältnisse angleichende Entwicklungen.

    Fazit: Mit der Teilhabe an einem gewissen Wohlstandsniveau (oberhalb der Existenzsicherungsgrenze) verändert sich auch die Reproduktionsquote einer Volkswirtschaft, und damit die demographische Situation.
    Was sicherlich bleiben wird, ist die landesspezifisch typische und akzeptierte Gestaltung von Produkten und eine regionalspezifisch erfolgreiche Marktansprache. Marketingkommunikatoren ahben also noch einiges zu tun.

    Mit kämpferischen Grüßen
    Guerillera Liesel

    am 13. 01. 2008 um 16:58 Uhr von Liesel Pusacker
  2. Wie sagte schon der alte römische Geschichtsschreiber Titus Livius: “Besser spät als nie.” :-)

    Richtig, jedoch müssten hierfür meines Erachtens – bezogen auf den Betrachtungszeitraum – einige Bedingungen erfüllt sein. So zum Beispiel:

    - Die staatlich verordnete chinesische Einkind-Politik müsste auch in Zukunft dauerhaft und konsequent weiterverfolgt werden.
    - Das Wohlstandsniveau der verschiedenen Länder müsste sich relativ schnell dem europäischen Niveau angleichen.
    - Der Wohlstand müsste in allen Ländern relativ schnell die breiten Bevölkerungsschichten erreichen.
    - Die soziale Absicherung der Bevölkerung – Gesundheit, Arbeitslosigkeit und vor allem Altersversorgung – müsste für alle Bevölkerungsschichten relativ schnell und ausreichend gegeben sein.
    - Für alle o.g. Punkte wäre u.a. eine gewisse politische Stabilität in den Ländern Asiens, Afrikas und Südamerika notwendig – Hemmnisse und Restriktionen im Welthandel oder der Aufbau von flächendeckenden Infrastrukturen mal außen vor gelassen.

    Obwohl ich auf der einen Seite viele Dinge für wünschenswert halte, erscheinen sie mir auf der anderen Seite für eine Vielzahl der Länder nur wenig wahrscheinlich. Während man zum heutigen Zeitpunkt über das Maß des Auseinanderdriftens der demografischen Entwicklungen sicherlich nur spekulieren kann, halte ich die in meiner These prognostizierte Entwicklungstendenz auch weiterhin für sehr wahrscheinlich.

    Zum zweiten Punkt des Kommentars: Den Trend zur Nutzung gleicher oder ähnlicher Massenprodukte sehe ich auch. Bestandteil der These war vielmehr, dass geografisch abgegrenzte Massenmärkte, die sich in ihrer Altersstruktur diametral entwickeln, zu irgendeinen Zeitpunkt Unterschiede in der Marktbearbeitung aufweisen werden – zumindest, wenn die Marktteilnehmer auf der Angebotsseite diesen Massenmarkt erfolgreich bearbeiten wollen.

    Beste Grüße,
    Ralf


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Der Beitrag wurde am 1. Dezember 2007 um 16:00 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Veranstaltungen gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.